Reserve - Offizier - Gemeinschaft Oldenburg

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Zeitung / Herausgeber: Reservistenverband / Alfred Claussen
Datum: 21.07.2017

 


Oldenburg — In einer gemeinsamen öffentlichen Veranstaltung der Reserve-Offizier-Gemeinschaft Oldenburg (R.O.G.) und der Kreisgruppe Wilhelmshaven des Reservistenverbandes referierte Brigadegeneral Dr.-Ing. e. h. Thomas Reiter am 21. Juli 2017 im Konferenzgebäude der 1. Panzerdivision vor rund siebzig Zuhörern in der Oldenburger Henning-von-Tresckow-Kaserne.


 


Ein kompetenter Referent für eine gute Veranstaltung


R.O.G.-Vorsitzender Oberstleutnant a.D. Guido Leibel hätte für den abendlichen Vortrag zu dem Thema „Aktuelle Höhepunkte und Perspektiven in der astronautischen Raumfahrt in Europa“ keinen besseren Referenten finden können: Brigadegeneral Reiter war von 1992 bis 2007 ESA-Astronaut und der achte Deutsche im All. In der russischen Raumstation Mir absolvierte er 1995/96 den ersten ESA-Langzeitflug überhaupt. Dabei unternahm er als erster Deutscher einen Weltraumausstieg.


Auch auf der Internationalen Raumstation ISS war er 2006 der erste europäische Langzeitflieger. Reiter ist nach seinen beiden Halbjahresflügen mit 350 Weltall-Tagen der weitaus erfahrenste und bisher einzige europäische Astronaut mit zwei Langzeitmissionen. Seit 2016 ist der von der Bundeswehr beurlaubte Berufssoldat ESA-Koordinator internationale Agenturen und Berater des Generaldirektors.


Für Thomas Reiter war der Vortragsabend sozusagen ein Heimspiel. Seit seiner Dienstzeit auf dem Fliegerhorst Oldenburg in den achtziger Jahren wohnt der Berufssoldat in der benachbarten ammerländischen Ortschaft Wahnbek am Stadtrand von Oldenburg. Der Termin für die abendliche Vortragsveranstaltung passt zum Thema“ bemerkte Thomas Reiter, „denn der 21. Juli ist der Jahrestag für den ersten Fußtritt eines Menschen auf dem Mond“. Als Elfjähriger verfolgte er im Jahre 1969 begeistert – wie weltweit 600 Millionen weitere Fernsehzuschauer auch – die damaligen Aufnahmen von der ersten Mondlandung (Apollo 11-Mission) mit den amerikanischen NASA-Astronauten Neil Armstrong, Edwin „Buzz“ Aldrin und Michael Collins.


 


Vita des Referenten


Thomas Arthur Reiter wurde am 23. Mai 1958 in Frankfurt am Main geboren. Beide Eltern waren begeisterte Segelflieger, was bei Reiter auch frühzeitig das Interesse an der Fliegerei weckte. Im Juni 1977 legte er am Goethe-Gymnasium in Neu-Isenburg sein Abitur ab. Im Oktober 1977 folgte der Grundwehrdienst bei der Bundeswehr. Von Oktober 1978 bis Juni 1979 besuchte Reiter die Offizierschule der Luftwaffe in Fürstenfeldbruck. Dem schloss sich ab Oktober 1979 an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg bei München ein Studium der Luft- und Raumfahrttechnik an, das er im Dezember 1982 als Diplom-Ingenieur beendete. Zwischen Mai 1983 und Mai 1984 wurde Reiter auf der Sheppard Air Force Base im US-Bundesstaat Texas zum Strahlflugzeugführer ausgebildet. Danach war er bis September 1990 beim Jagdbombergeschwader 43 auf dem Fliegerhorst Oldenburg stationiert. Hier flog er den leichten Jagdbomber Alpha Jet und wirkte als


Flugeinsatzoffizier sowie später als stellvertretender Staffelkapitän an der Entwicklung eines rechnergestützten Flugplanungssystems mit. Anschließend durchlief Reiter bei der Erprobungsstelle 61 der Bundeswehr in Manching eine Ausbildung zum Testpiloten 2. Klasse und absolvierte danach beim Jagdbombergeschwader 38 ‚Friesland‘ auf dem Fliegerhorst Upjever seine Umschulung auf das Waffensystem Tornado. Zurück in Manching kam er dort zwischen April und Dezember 1991 in verschiedenen Flugerprobungsprojekten zum Einsatz. Im Folgejahr komplettierte Reiter seine fliegerische Ausbildung als Testpilot 1. Klasse an der britischen Empire Test Pilot School auf der Royal Air Force Station in Boscombe Down, die er im Dezember 1992 abschloss. Zwischenzeitlich hatte er erfolgreich eine Bewerbung für die Raumfahrertätigkeit abgegeben und wurde aus rund 22.000 Mitbewerbern zusammen mit fünf weiteren Kandidaten ausgewählt.


Ab Jahresbeginn 1993 erfolgte beim Europäischen Astronautenzentrum (EAC) in Köln und im Juri-Gagarin-Kosmonautentrainingszentrum in Moskau die Ausbildung zum Astronauten bzw. Kosmonauten. Am 3. September 1995 startete Reiter an Bord von Sojus TM-22 in Baikonur zur russischen Raumstation Mir. Dort arbeitete er im Rahmen der Mission Euromir 95 als Bordingenieur. Im Rahmen dieser Mission führte er zwei Aussenbordeinsätze über fünf und drei Stunden durch. Nach 179 Tagen im All und rund 2800 Erdumkreisungen landete er am 29. Februar 1996 mit der Sojus-Raumkapsel wohlbehalten in Zentralkasachstan. Von Oktober 1996 bis Juli 1997 folgte eine Kommandantenausbildung für das russische Raumfahrzeug Sojus-TM. Er erhielt das Zertfikat für die Steuerung beim Rendevous und Andocken an eine Raumfähre sowie zur Rückkehr aus dem Orbit zur Erde.


Von September 1997 bis März 1999 leistete Reiter Dienst in der Luftwaffe als Kommandeur der Fliegenden Gruppe des Jagdbombergeschwader 38 ‚Friesland‘. Danach kehrte er zur Europäischen Weltraumorganisation ESA zurück und absolvierte ein Training für den Einsatz als Bordingenieur auf der Internationalen Raumstation ISS.


Am 04. Juli 2006 startete Oberst Reiter im Kennedy Space Center in Cap Canaveral mit dem Space-Shuttle ‚Discovery‘ zum Flug STS-121 zur Raumstation ISS und gehörte zwei Tage später als Bordingenieur zur ISS-Expedition 13. Am 7. August 2006 erfolgte ein nahezu sechsstündiger Außenbordeinsatz. Nach 171 Tagen im All kehrte er am 22. Dezember 2006 mit der Mission STS-116 von der ISS-Expedition 14 auf die Erde zurück.


Zum 1. Oktober 2007 quittierte Thomas Reiter den Astronauten-Dienst und wechselte in den Vorstand des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Hier war er dreieinhalb Jahre lang für das Ressort Raumfahrtforschung und –entwicklung zuständig. Am 20. März 2009 wurde Thomas Reiter durch Bundesverteidigungsminister Dr. Franz Josef Jung während dessen Besuchs im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) zum Brigadegeneral befördert. Von April 2011 bis Dezember 2015 war Thomas Reiter Leiter des ESADirektorats für Bemannte Raumfahrt und Missionsbetrieb in Darmstadt und verantwortete Europas Beitrag zur Internationalen Raumstation ISS, die ESA-Aktivitäten im Bereich der Bemannten Raumfahrt, den Betrieb bemannter und unbemannter Raumfahrzeuge und des Bodensegments.


Seit Jahresbeginn 2016 ist Thomas Reiter ESA-Koordinator internationale Agenturen und Berater des Generaldirektors. Thomas Reiter ist verheiratet und hat zwei Söhne.


 


Inhalte der abendlichen Vortragsveranstaltung


Zunächst wurde die Europäischen Weltraumorganisation ESA kurz vorgestellt. Dieser gehören derzeit 22 Staaten als Mitglied an. Mit acht Standorten in Europa verfügt die ESA heute über mehr als 2200 Bedienstete und hat die Entwicklung, die Teste und den Flugbetrieb für mehr als 80 Satelliten koordiniert. Das Aufgabenspektrum teilt sich in die verschiedenen Tätigkeitsbereiche Raumflugbetrieb, Trägerraketen, Telekommunikation, Navigation, Erdbeobachtung, Weltraumwissenschaft, Bemannte Raumfahrt, Exploration und Technologie auf.


Die Aufgaben der bemannten Raumfahrt wurden anhand des Einsatzes der ehemaligen russischen Raumstation Mir und der heutigen internationalen Raumstation ISS erläutert. Sehr eindrucksvoll wurden die fachlichen Informationen mit den persönlichen Eindrücken und Erlebnissen aus den beiden Raumflugeinsätzen des Referenten gemischt. Mit einigen eingefügten Fotos und Kurzfilmen in der Bildpräsentation wurde die Thematik sehr informativ und spannend dargestellt.


An der ab Dezember 1998 aufgebauten ISS, welche seit Dezember 2000 permanent mit Personen besetzt ist, beträgt der europäische Anteil 8,3%. Der Betrieb ist zurzeit bis mindestens 2024 vorgesehen.


Das europäische Forschungslabor ‚Columbus‘ wurde im März 2008 an der Raumstation ISS implementiert. Mit Hilfe von Columbus wurden und werden viele Forschungsdisziplinen im Erdorbit durchgeführt, beispielsweise Material-Wissenschaften, Humanphysiologie, Biotechnologie, Erdbeobachtung, Flüssigkeits-Physik, Verbrennung, Gravitations-Biologie, Molekular-Biologie, Extraterrestik, Technologie und Fundamental-Physik. Zum Thema „Astronautische Raumfahrt“ wurde berichtet, dass bisher 45 Europäer aus 17 Ländern in den Weltraum reisten. Insgesamt wurden 69 Missionen durchgeführt. An Bord der Raumstation ISS waren bislang insgesamt 16 Europäer.



Im Vortrag wurden u.a. die Schlüsselelemente der ESA Explorationsstrategie erläutert. Durch internationale Kooperation soll zum Nutzen der Gesellschaft der niedrige Erdorbit (LEO), der Mond und der Planet Mars missionsgetrieben erforscht werden. Dabei soll mittelfristig auf dem Mond das Konzept „Moon Village“ umgesetzt werden, um den Erdtrabanten als Plattform für den Start zum „roten Planeten“ Mars zu nutzen. Im Internetportal der ESA können zahlreiche Informationen hierzu auf der Seite http://lunarexploration.esa.int/ abgerufen werden. Das Raumfahrt-Betriebszentrum ESOC wurde kurz vorgestellt. Der Start und die Missionen von über 80 Satelliten wurden durch das ESOC gesteuert. Das ESOC verfügt über ein weltweites Netz von Bodenstationen zur Kommunikation mit den Satelliten. Zum Schutz der Erde und zum Schutz von Satelliten verfügt die ESA über ein Programm zur Erfassung der Weltraumlage (SSA – Space Situational Awareness). Rund 750.000 Partikel (z.B. Weltraumschrott) mit einer Größe von über einem Zentimeter und ca. 23.000 Objekte mit einer Größe über zehn Zentimeter gefährden die Raumstation ISS, Raumschiffe und Satelliten. Deshalb werden zunehmend Ausweichmanöver im All erforderlich. Rund 15.000 NEOs (NEO – Near-Earth Objects) sind bekannt. 294 davon stehen in einer Risikoliste, da bei ihnen die Wahrscheinlichkeit über 0% liegt, die Erde in 100 bis 200 Jahren zu kreuzen. Auch das Weltraumwetter (SWE – Space Weather) wird beobachtet. Sonnenwinde und kosmische Strahlungen zeigen Auswirkungen auf die ISS und Satelliten, der Ausbreitung von Funksignalen und sogar auf die terrestrischen Stromnetze.


 


Fazit der Veranstaltung


Der Vortrag gab einen kurzen, aber umfassenden Überblick über die Arbeit der Europäischen Weltraumbehörde ESA, ihren derzeitigen Forschungsaufgaben und ihren kurz- und mittelfristigen Zielen. Auch wurde deutlich, dass der Nutzen der robotischen und astronautischen Exploration nicht nur der Erweiterung unseres Wissens dient, sondern durch die internationale Kooperation auch dem weltweiten friedlichen Zusammenleben aller Nationen und Völker dient. Des Weiteren werden Grundlagen für die technische Innovation erarbeitet und Inspirationen für künftige Projekte geschaffen.


 


Text: Alfred Claußen


 


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